{"id":1631,"date":"2026-10-21T11:41:38","date_gmt":"2026-10-21T09:41:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.franke-ip.com\/de\/?p=1631"},"modified":"2026-10-21T12:01:08","modified_gmt":"2026-10-21T10:01:08","slug":"kreativ-aber-kein-urheber-was-ki-in-der-kunst-kann-und-was-das-recht-dazu-sagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.franke-ip.com\/de\/kreativ-aber-kein-urheber-was-ki-in-der-kunst-kann-und-was-das-recht-dazu-sagt\/","title":{"rendered":"Kreativ, aber kein Urheber: Was KI in der Kunst kann \u2013 und was das Recht dazu sagt"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/blog.franke-ip.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/franke-ip-titelgrafik-ohne-text-1480x1110-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/blog.franke-ip.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/franke-ip-titelgrafik-ohne-text-1480x1110-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1634\" style=\"width:303px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/blog.franke-ip.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/franke-ip-titelgrafik-ohne-text-1480x1110-1-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.franke-ip.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/franke-ip-titelgrafik-ohne-text-1480x1110-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.franke-ip.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/franke-ip-titelgrafik-ohne-text-1480x1110-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.franke-ip.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/franke-ip-titelgrafik-ohne-text-1480x1110-1.jpg 1480w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kann eine Maschine K\u00fcnstlerin sein? Die Debatte wird meist zwischen zwei Lagern gef\u00fchrt. Die einen halten auch menschliche Kreativit\u00e4t f\u00fcr nichts anderes als die geschickte Kombination von Gelerntem und sehen die K\u00fcnstliche Intelligenz auf dem besten Weg, Gestalter, Musiker, Schauspieler und Buchautoren zu ersetzen. Die anderen halten dagegen, eine K\u00fcnstliche Intelligenz k\u00f6nne ihre vorgezeichneten Bahnen nie verlassen. Beide Positionen halten einer kritischen Pr\u00fcfung nur teilweise stand. Und w\u00e4hrend Feuilleton und Tech-Branche noch diskutieren, haben Gerichte und Gesetzgeber l\u00e4ngst eine eigene Antwort gegeben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Gehirn als Sprachmodell? Eine verf\u00fchrerische Analogie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das st\u00e4rkste Argument der K\u00fcnstliche-Intelligenz-(KI)-Optimisten kommt aus der Hirnforschung. Kreativit\u00e4tsforscher wie Roger Beaty zeigen, dass Erinnern und Vorstellen auf denselben Mechanismus zur\u00fcckgreifen: das flexible Neu-Zusammensetzen von Erlebtem \u2013 Personen, Orte, Ereignisse. Geoffrey Hinton, Nobelpreistr\u00e4ger und einer der V\u00e4ter des Deep Learning, geht noch weiter. Der Mensch sei vor allem eine Analogiemaschine, \u00fcber der nur eine d\u00fcnne Schicht logischen Denkens liegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn das stimmt, ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der aus seinem Erfahrungsschatz sch\u00f6pft, und einem Modell, das aus seinen Trainingsdaten sch\u00f6pft, eher graduell als kategorial. Hinton zieht daraus den Schluss, gro\u00dfe Sprachmodelle seien <a href=\"https:\/\/thestrategytoolkit.substack.com\/p\/geoffrey-hinton-on-ai-sentience-subjective\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ausgesprochen kreativ<\/a> \u2013 gerade weil sie gewaltige Wissensmengen nur dadurch in ihr Netz pressen k\u00f6nnen, dass sie Analogien zwischen den verschiedensten Dingen erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Analogie hat allerdings eine L\u00fccke, und zwar genau dort, wo es interessant wird. Dieselbe Forschung zeigt n\u00e4mlich, dass das blo\u00dfe Abrufen von Ged\u00e4chtnisinhalten selten zu den originellsten Ideen f\u00fchrt. Kreative Leistung entsteht im Zusammenspiel von assoziativem Ged\u00e4chtnis und kognitiver Kontrolle \u2013 der F\u00e4higkeit, das Naheliegende bewusst zu verwerfen. Wer das Gehirn mit einem Sprachmodell gleichsetzt, unterschl\u00e4gt diese zweite H\u00e4lfte. Es ist ausgerechnet die H\u00e4lfte, an der heutige Modelle (noch) messbar scheitern.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eUnz\u00e4hlige R\u00fcckschleifen\u201c: Der Einwand der fehlenden R\u00fcckkopplung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Einwand, der in Diskussionen \u00fcber KI-Kreativit\u00e4t h\u00e4ufig f\u00e4llt, verdient eine genauere Pr\u00fcfung: Im Gehirn gebe es unz\u00e4hlige R\u00fcckschleifen, die KI dagegen arbeite nur mit einem simplen \u201eDecoding\u201c in eine Richtung. Fachlich spricht man von R\u00fcckkopplung oder rekurrenter Verarbeitung. Der Einwand trifft einen wahren Kern \u2013 allerdings nicht ganz dort, wo er meist vermutet wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Im Gehirn ist R\u00fcckkopplung der Normalfall<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie stark das Gehirn auf R\u00fcckkopplung setzt, zeigt schon das Sehsystem. Die Schaltstelle im Thalamus, die Signale vom Auge an die Gro\u00dfhirnrinde weiterreicht, bezieht nur 5 bis 10 Prozent ihrer Synapsen aus der Netzhaut. Je etwa ein Drittel stammt aus der Hirnrinde selbst und aus dem Hirnstamm. Die wenigen Netzhaut-Synapsen sind zwar besonders wirkungsstark, doch der Gro\u00dfteil der Verbindungen dient dazu, den Informationsfluss von oben zu steuern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Amsterdamer Neurowissenschaftler Victor Lamme hat aus solchen Befunden eine einflussreiche Bewusstseinstheorie entwickelt. Sinnesinformation durchl\u00e4uft die Hirnareale danach zun\u00e4chst in einer schnellen Vorw\u00e4rtswelle. Bewusst wahrgenommen wird sie erst, wenn h\u00f6here Areale Signale in fr\u00fchere zur\u00fcckspeisen. Die Theorie des Predictive Coding geht noch weiter: H\u00f6here Areale senden fortlaufend Vorhersagen nach unten, nach oben gemeldet werden vor allem die Abweichungen davon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Kreativit\u00e4t selbst ist ein Kreisprozess. Eine <a href=\"https:\/\/www.christofflab.ca\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ellamil_2012_Neuroimage.pdf\">fMRT-Studie<\/a> kanadischer Forscher zeigte, dass beim Erzeugen von Ideen vor allem Ged\u00e4chtnisregionen im medialen Schl\u00e4fenlappen arbeiten, beim Bewerten dagegen ein Verbund aus Kontroll- und Default-Netzwerk. Kreatives Arbeiten pendelt zwischen beiden Modi: erzeugen, pr\u00fcfen, verwerfen, neu ansetzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">In der KI: Was \u201eDecoding\u201c tats\u00e4chlich bedeutet<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff \u201eDecoding\u201c ist auf KI-Seite nicht falsch gew\u00e4hlt, bedarf aber der Pr\u00e4zisierung. Die heute verbreiteten gro\u00dfen Sprachmodelle beruhen \u00fcberwiegend auf sogenannten Decoder-only-Transformern. Ihr Text entsteht durch autoregressives Decoding: Das Modell berechnet in einem einzigen Durchlauf durch alle Schichten, dem Forward Pass, eine Wahrscheinlichkeitsverteilung f\u00fcr das n\u00e4chste Wortst\u00fcck (Token). Es w\u00e4hlt eines aus, h\u00e4ngt es an den bisherigen Text an und beginnt von vorn. Innerhalb eines solchen Durchlaufs gibt es tats\u00e4chlich keine R\u00fcckkopplung. Die Transformer-Architektur wurde 2017 bewusst so entworfen, dass sie ohne jede Rekurrenz auskommt. Das machte sie stark parallelisierbar und damit erst im heutigen Ma\u00dfstab trainierbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz schleifenfrei ist die KI trotzdem nicht. Jedes erzeugte Token wird zur Eingabe f\u00fcr den n\u00e4chsten Schritt \u2013 das ist eine R\u00fcckkopplung, nur \u00fcber einen engen Flaschenhals. Was die obersten Schichten des Modells berechnet haben, erreicht die unteren Schichten im n\u00e4chsten Schritt im Wesentlichen nur \u00fcber dieses eine ausgew\u00e4hlte Token. Dass schon diese \u00e4u\u00dfere Schleife viel bewirkt, ist inzwischen mathematisch untermauert. Ein Transformer, der sofort antworten muss, kann \u2013 unter den in der Komplexit\u00e4tstheorie \u00fcblichen Annahmen \u2013 bestimmte einfache Aufgaben nachweislich nicht l\u00f6sen, etwa die Frage, ob zwei Punkte in einem Netz miteinander verbunden sind. Darf er Zwischenschritte ausschreiben, w\u00e4chst seine Rechenkraft mit der Zahl dieser Schritte. Genau darauf beruhen die Reasoning-Modelle, die vor ihrer Antwort lange Gedankenketten (Chain of Thought) erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschung arbeitet zudem daran, den Flaschenhals zu weiten. Bei Meta lie\u00df man ein Modell statt eines Wortes seinen letzten inneren Zustand zur\u00fcckspeisen, es also gewisserma\u00dfen ohne Worte weiterdenken. Die Autoren verweisen dabei auf Befunde, wonach das Sprachnetzwerk des Gehirns bei vielen Denkaufgaben weitgehend still bleibt. Sogenannte Recurrent-Depth-Modelle durchlaufen denselben Block von Schichten beliebig oft, bevor sie ein Token ausgeben. Ein Modell mit 3,5 Milliarden Parametern rechnete so zur Laufzeit so viel wie ein Modell mit rund 50 Milliarden Parametern und verbesserte sich dabei teils deutlich. Ein im Juli 2026 ver\u00f6ffentlichtes Preprint berichtet, dass solche \u201egeloopten\u201c Transformer bei gleichem Trainingsaufwand herk\u00f6mmliche Modelle \u00fcberholen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders lehrreich ist der Fall des Hierarchical Reasoning Model von 2025. Es ahmte ausdr\u00fccklich das Gehirn nach: zwei rekurrente Module, ein langsames f\u00fcr abstrakte Planung, ein schnelles f\u00fcr Details. Mit nur 27 Millionen Parametern \u00fcbertraf es weit gr\u00f6\u00dfere Sprachmodelle bei Denksportaufgaben. Die Nachpr\u00fcfung durch das Team des ARC Prize ergab allerdings, dass die hirn\u00e4hnliche Hierarchie wenig beitrug. Entscheidend war eine \u00e4u\u00dfere Verfeinerungsschleife, in der das Modell seine eigene Antwort wiederholt \u00fcberarbeitet. Ein Nachfolgemodell mit nur 7 Millionen Parametern verzichtet auf die Hierarchie ganz und schneidet auf dem ARC-Test dennoch besser ab als die meisten gro\u00dfen Sprachmodelle. Die Lehre: Nicht die biologische Form der R\u00fcckkopplung z\u00e4hlt, sondern dass es \u00fcberhaupt eine Schleife aus Versuch und Korrektur gibt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was der KI noch fehlt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4zise formuliert fehlt der KI also nicht \u201edie R\u00fcckschleife\u201c schlechthin, sondern bisher noch dreierlei:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>R\u00fcckkopplung innerhalb der Verarbeitung.<\/strong> Das Gehirn speist Signale st\u00e4ndig, parallel und auf allen Ebenen zur\u00fcck. Ein g\u00e4ngiges Sprachmodell tut das nur am Ende jedes Schritts, \u00fcber ein einziges Token.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Lernende R\u00fcckkopplung.<\/strong> Das Gehirn ver\u00e4ndert seine Verbindungen mit jeder Erfahrung. Die Gewichte eines Sprachmodells sind im Betrieb eingefroren. Was es im Gespr\u00e4ch \u201elernt\u201c, steht nur im Kontextfenster und geht danach verloren, sofern es nicht eigens gespeichert wird.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>R\u00fcckkopplung mit der Welt.<\/strong> Menschen handeln, sp\u00fcren die Folgen und passen sich an. Ein Sprachmodell kennt die Welt im Wesentlichen aus Text. Genau hier setzt Yann LeCun an, der statt immer gr\u00f6\u00dferer Sprachmodelle sogenannte Weltmodelle fordert.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eDecoding\u201c in der Hirnforschung: Wo sich Gehirn und Modell vergleichen lassen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Hirnforschung bezeichnet \u201eDecoding\u201c etwas ganz anderes: das Auslesen von Wahrnehmungen oder Gedanken aus gemessener Hirnaktivit\u00e4t. Ausgerechnet hier erweisen sich Sprachmodelle als \u00fcberraschend n\u00fctzliches Werkzeug. Forscher in Austin \u00fcbersetzten 2023 mithilfe eines neuronalen Sprachmodells fMRT-Signale in fortlaufenden Text \u2013 meist sinngem\u00e4\u00df, selten w\u00f6rtlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC10038805\">Studie <\/a>mit Hirnscans von 304 Probanden zeigte, dass sich die inneren Zust\u00e4nde von Sprachmodellen linear auf die Hirnaktivit\u00e4t beim Zuh\u00f6ren abbilden lassen. Sie zeigte aber auch den Unterschied: Sprachmodelle sind darauf trainiert, das jeweils n\u00e4chste Wort vorherzusagen. Das Gehirn dagegen sagt weiter voraus, und zwar auf mehreren Abstraktionsebenen zugleich. Erg\u00e4nzte man die Modelle um solche weiter reichenden Vorhersagen, passten sie besser zum Gehirn. Gehirn und Sprachmodell sind sich also \u00e4hnlicher, als viele Skeptiker glauben. Das Gehirn plant aber weiter voraus und denkt hierarchischer, als heutige Modelle es tun.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Begriffe kurz erkl\u00e4rt<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">R\u00fcckkopplung \/ rekurrente Verarbeitung: Signale laufen von sp\u00e4teren zu fr\u00fcheren Verarbeitungsstufen zur\u00fcck. Umgangssprachlich oft \u201eR\u00fcckschleifen\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Feedforward \/ Forward Pass: Ein Rechendurchlauf strikt in einer Richtung, von der Eingabe zur Ausgabe. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Autoregressives Decoding: Textgenerierung Token f\u00fcr Token; jedes erzeugte Token wird an die Eingabe des n\u00e4chsten Schritts angeh\u00e4ngt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chain of Thought: Das Modell schreibt Zwischenschritte aus, bevor es antwortet \u2013 eine Schleife \u00fcber den eigenen Text. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Latent Reasoning \/ Recurrent Depth: Das Modell wiederholt innere Rechenschritte, ohne Zwischenergebnisse in Worte zu fassen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Predictive Coding: Theorie, nach der das Gehirn fortlaufend Vorhersagen bildet und vor allem die Abweichungen davon weiterleitet. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neural Decoding: Das Auslesen von Wahrnehmungen oder Gedanken aus gemessener Hirnaktivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Besser als der Durchschnitt \u2013 und genau das ist das Problem<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die bislang gr\u00f6\u00dfte <a href=\"https:\/\/cordis.europa.eu\/article\/id\/463674-is-ai-more-creative-than-us\">Vergleichsstudie <\/a>stellte \u00fcber 100.000 Menschen neun f\u00fchrenden KI-Systemen gegen\u00fcber. Das Ergebnis: Einige Sprachmodelle \u00fcbertreffen bei klar definierten Aufgaben inzwischen die durchschnittliche menschliche Kreativit\u00e4t. Die kreativsten Menschen liegen jedoch weiterhin deutlich vorn, insbesondere bei Lyrik und Handlungsentw\u00fcrfen. Und neuere Modelle erwiesen sich nicht automatisch als kreativer als \u00e4ltere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch aufschlussreicher ist ein <a href=\"https:\/\/blog.neurips.cc\/2025\/11\/26\/announcing-the-neurips-2025-best-paper-awards\/\">Befund<\/a>, den die NeurIPS 2025, eine der wichtigsten KI-Konferenzen, als bestes Paper ausgezeichnet hat: der \u201eArtificial Hivemind\u201c. Mehr als 70 Sprachmodelle unterschiedlichster Hersteller liefern auf offene Fragen auffallend \u00e4hnliche Antworten \u2013 nicht nur jedes Modell f\u00fcr sich, sondern auch untereinander. Bittet man sie um eine Metapher f\u00fcr die Zeit, landen die meisten bei einer Variante des Flusses. Das ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, was wir von Kunst erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Experiment in <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC11244532\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Science Advances<\/a> zeigt, was das f\u00fcr menschliche Kreative bedeutet. Autorinnen und Autoren, die sich von einer KI Ideen liefern lie\u00dfen, schrieben Geschichten, die als kreativer und besser geschrieben bewertet wurden \u2013 vor allem die weniger begabten. Zugleich glichen sich diese Geschichten st\u00e4rker als die ohne KI-Hilfe. F\u00fcr den Einzelnen lohnt sich die Maschine, f\u00fcr die Kultur insgesamt wird es enger: ein klassisches soziales Dilemma.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBesser als der Durchschnitt\u201c ist deshalb ein zweischneidiges Kompliment. Kunst lebt nicht vom statistisch Wahrscheinlichen, sondern vom Unwahrscheinlichen, das sich im Nachhinein als richtig erweist. Ein System, das darauf trainiert ist, die plausibelste Fortsetzung zu liefern, arbeitet strukturell gegen dieses Prinzip \u2013 auch wenn geschicktes Prompting den Effekt abmildern kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kann die Maschine aus ihren Bahnen ausbrechen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier lohnt der Blick \u00fcber die Kunst hinaus. Demis Hassabis, Chef von Google DeepMind, unterscheidet drei Stufen der Kreativit\u00e4t: Interpolation, also das Mitteln des Bekannten; Extrapolation, also Neues innerhalb bekannter Regeln, wie AlphaGos ber\u00fchmter \u201eZug 37\u201c; und schlie\u00dflich Erfindung, also neue Regeln, neue Spiele, neue Paradigmen. Die dritte Stufe hat KI aus seiner Sicht noch nicht erreicht. Sein Ma\u00dfstab ist ein <a href=\"https:\/\/www.semafor.com\/article\/06\/24\/2026\/demis-hassabis-on-the-link-between-ai-for-art-and-ai-for-science\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eEinstein-Test\u201c<\/a>: K\u00f6nnte ein Modell, ausgestattet nur mit dem Wissensstand, den Einstein hatte, die Relativit\u00e4tstheorie selbst finden? Yann LeCun ist noch skeptischer. Sprachmodelle seien hervorragend im Abrufen, in ihrer reinen Form aber unf\u00e4hig, Neues zu erfinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gegenbeispiele h\u00e4ufen sich allerdings, und zwar in einem Tempo, das vor wenigen Jahren kaum jemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Wer behauptet, KI k\u00f6nne grunds\u00e4tzlich nichts finden, was nicht schon in ihren Trainingsdaten steckt, hat seither ein Erkl\u00e4rungsproblem. Ein Blick auf die markantesten F\u00e4lle lohnt sich, gerade weil sich an ihnen ablesen l\u00e4sst, wie diese Kreativit\u00e4t zustande kommt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Markante F\u00e4lle<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Algorithmen (2025): Ein Rekord f\u00e4llt nach 56 Jahren.<\/strong> Googles System <a href=\"https:\/\/deepmind.google\/blog\/alphaevolve-a-gemini-powered-coding-agent-for-designing-advanced-algorithms\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">AlphaEvolve<\/a> fand einen Weg, 4\u00d74-Matrizen aus komplexen Zahlen mit nur 48 Multiplikationen zu verrechnen, und schlug damit das Verfahren, das der deutsche Mathematiker Volker Strassen 1969 gefunden hatte. Eine von AlphaEvolve entdeckte Heuristik l\u00e4uft seit \u00fcber einem Jahr in Googles Rechenzentren und gewinnt dort im Schnitt rund 0,7 Prozent der weltweiten Rechenkapazit\u00e4t zur\u00fcck. Bei mehr als 50 offenen Problemen erreichte das System in rund drei Vierteln der F\u00e4lle den Stand der Forschung und \u00fcbertraf ihn in rund einem F\u00fcnftel.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Mathematik-Olympiade (Juli 2025): Gold.<\/strong> Googles Gemini Deep Think und ein experimentelles Modell von OpenAI l\u00f6sten f\u00fcnf von sechs Aufgaben der Internationalen Mathematik-Olympiade, in nat\u00fcrlicher Sprache und auf Goldmedaillen-Niveau. Das Google-Modell wurde offiziell bewertet und blieb im Zeitlimit von viereinhalb Stunden. Allerdings haben Olympiade-Aufgaben bekannte L\u00f6sungen. Das ist Spitzenleistung, aber noch keine Entdeckung.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Quanteninformatik (September 2025): der entscheidende Kniff.<\/strong> Der Informatiker Scott Aaronson berichtete, dass GPT-5 ihm und seinem Koautor den Schl\u00fcsselschritt eines Beweises vorschlug: eine bestimmte Funktion, \u00fcber die sich das Problem l\u00f6sen lie\u00df. Die erste Antwort war falsch, erst nach rund einer halben Stunde Korrektur kam die brauchbare Idee. Aaronson nennt sie im Nachhinein naheliegend, w\u00fcrde einen Studenten f\u00fcr diesen Einfall aber als clever loben. Ohne KI h\u00e4tte das Team nach eigener Einsch\u00e4tzung ein bis zwei Wochen gebraucht.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kombinatorik (Februar 2026): Knuths \u00dcberraschung.<\/strong> Donald Knuth, einer der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der Informatik, hatte ein offenes Problem \u00fcber die Zerlegung eines Graphen in drei Hamiltonkreise formuliert. Claude Opus 4.6 fand nach rund einer Stunde und 31 Anl\u00e4ufen eine Konstruktion f\u00fcr alle ungeraden Gr\u00f6\u00dfen. Knuth schrieb, er m\u00fcsse seine Meinung \u00fcber generative KI revidieren. Den strengen Beweis lieferte er allerdings selbst; der gerade Fall wurde sp\u00e4ter unter Beteiligung weiterer KI-Systeme gel\u00f6st.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Diskrete Geometrie (Mai 2026): Erd\u0151s widerlegt.<\/strong> Ein internes Reasoning-Modell von OpenAI widerlegte eine fast 80 Jahre alte Vermutung von Paul Erd\u0151s dar\u00fcber, wie viele Paare von Punkten in der Ebene genau den Abstand 1 haben k\u00f6nnen. Externe Mathematiker pr\u00fcften den Beweis; Tim Gowers w\u00fcrde ihn nach eigenem Bekunden zur Ver\u00f6ffentlichung in den Annals of Mathematics empfehlen. Im August legte ein weiteres OpenAI-Modell zehn neue Resultate nach; viele Mathematiker sprechen von einem Phasen\u00fcbergang. Einschr\u00e4nkungen: Das Modell ist nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich, die Darstellung stammt vom Unternehmen selbst, und die eigentliche Frage nach dem richtigen Wachstum ist weiter offen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Physik (April 2025): Detektoren, die niemand versteht.<\/strong> Ein Team um den Physiker Mario Krenn lie\u00df das KI-System Urania Gravitationswellen-Detektoren entwerfen. Die 50 besten Entw\u00fcrfe k\u00f6nnten den Bereich nachweisbarer Signale um mehr als eine Gr\u00f6\u00dfenordnung erweitern. Viele der Tricks, die die KI dabei anwendet, sind den Forschern noch v\u00f6llig fremd. Aufgabe der Menschen sei es nun, so Krenn, zu verstehen, was die Maschine getan habe.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Materialforschung (2023\/24): Entdeckung mit Sternchen.<\/strong> Google DeepMind meldete, sein System GNoME habe die Strukturen von 2,2 Millionen neuen Kristallen vorhergesagt, davon rund 380.000 stabil. Fachleute der University of California, Santa Barbara, pr\u00fcften die Flut nach und fanden kaum Belege f\u00fcr Verbindungen, die zugleich neu, glaubw\u00fcrdig und n\u00fctzlich waren. Der Fall zeigt die Kehrseite maschineller Produktivit\u00e4t: Masse ist nicht Originalit\u00e4t.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Mikrobiologie (2025): zehn Jahre in zwei Tagen?<\/strong> Googles \u201eAI Co-Scientist\u201c kam auf dieselbe Hypothese zur Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen, an der das Team von Jos\u00e9 Penad\u00e9s am Imperial College London jahrelang gearbeitet hatte. Die Schlagzeile relativiert sich jedoch: Das Team hatte den zugrunde liegenden Mechanismus bereits 2023 beschrieben und der KI eigene Daten und Fachliteratur zur Verf\u00fcgung gestellt. Kritiker warnen, solche Systeme setzten vorhandenes Wissen wom\u00f6glich nur neu zusammen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was die F\u00e4lle gemeinsam haben<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erstens: Es gibt immer einen Pr\u00fcfstein.<\/strong> Alle diese Durchbr\u00fcche stammen aus Feldern, in denen sich ein Ergebnis objektiv pr\u00fcfen l\u00e4sst \u2013 durch einen Beweis, ein Pr\u00fcfprogramm, eine Simulation oder einen Laborversuch. AlphaEvolve etwa l\u00e4sst Modelle laufend Programmvarianten vorschlagen, bewertet sie automatisch und entwickelt die besten weiter. Das ist genau der Kreislauf aus Erzeugen und Bewerten, den die Hirnforschung beim kreativen Menschen beobachtet. F\u00fcr einen Roman, eine Oper oder eine B\u00fchnenfigur gibt es keinen solchen Pr\u00fcfstein. Dort fehlt der Maschine das zweite Glied der Schleife: das Urteil dar\u00fcber, was gelungen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Zweitens: Der menschliche Anteil bleibt (noch) gro\u00df.<\/strong> In fast allen F\u00e4llen stellten Menschen das Problem, pr\u00fcften das Ergebnis und schrieben den Beweis aus. Aaronson korrigierte GPT-5 mehrfach, Knuth lieferte den strengen Beweis selbst, und die Erd\u0151s-Resultate wurden von menschlichen Fachleuten verifiziert. Die Maschine liefert den Einfall, der Mensch verantwortet ihn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Drittens: Vorsicht vor der Schlagzeile.<\/strong> Mehrere vermeintliche Sensationen schrumpfen bei n\u00e4herem Hinsehen. Ein DeepMind-Team r\u00e4umte ein, dass viele der von KI gel\u00f6sten \u201eoffenen\u201c Erd\u0151s-Probleme eher wegen ihrer Unbekanntheit als wegen ihrer Schwierigkeit offen waren, und warnte vor einer Art unbewusstem Plagiat durch die Maschine. Beim \u201eAI Co-Scientist\u201c war die scheinbar in zwei Tagen gefundene Hypothese in Teilen l\u00e4ngst publiziert. Und wo eine KI massenhaft \u201eNeues\u201c ausgibt wie bei den Kristallstrukturen, ist Masse eben noch keine Originalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 2025 verstorbene Kognitionswissenschaftlerin Margaret Boden hat genau diese Schwachstelle fr\u00fch benannt: Maschinen w\u00fcrden Ideen m\u00fchelos erzeugen, aber an der Bewertung ihres Werts scheitern. Das Urteil dar\u00fcber, was gelungen ist, liegt bislang beim Menschen \u2013 und damit auch ein guter Teil der eigentlichen kreativen Leistung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ersetzt KI die K\u00fcnstler? Unten ja, oben nein \u2013 noch<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Markt ist die Frage bereits teilweise beantwortet, nur anders als in den Schlagzeilen. Nach dem Start von ChatGPT sank die Nachfrage nach freiberuflichen Textern um rund 30 Prozent, nach dem Start der Bildgeneratoren die nach Grafikdesign und 3D-Modellierung um 17 Prozent. In der Musik machten KI-Titel im Fr\u00fchjahr 2026 rund 44 Prozent aller t\u00e4glichen Uploads bei Deezer aus; ein KI-generiertes Country-Projekt f\u00fchrte eine Billboard-Verkaufsliste an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Schauspielerinnen und Schauspielern sind die Grenzen dagegen gezogen. Die KI-\u201eSchauspielerin\u201c Tilly Norwood l\u00f6ste 2025 einen Aufschrei in Hollywood aus. Der seit Juli 2026 geltende Tarifvertrag der US-Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA l\u00e4sst synthetische Darsteller nur noch zu, wenn sie gegen\u00fcber einem echten Schauspieler einen erheblichen Mehrwert bieten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">KI ersetzt nicht den Ausnahmek\u00fcnstler. Sie ersetzt den Mittelbau.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Muster ist deutlich: Verdr\u00e4ngt werden die Auftragsillustration, der Werbetext, die Hintergrundmusik, die Sprecherstimme f\u00fcr den Erkl\u00e4rfilm. Das mag beruhigend klingen, ist es aber nicht. Denn genau in diesem Mittelbau verdienen Kreative ihr Geld, w\u00e4hrend sie ihr Handwerk lernen. Wer die Ausbildungsstufe wegautomatisiert, sollte sich nicht wundern, wenn in zwanzig Jahren die Spitze fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommt der Einwand, den K\u00fcnstler selbst am lautesten formulieren. Der Schriftsteller Ted Chiang argumentiert, Kunst sei das Ergebnis unz\u00e4hliger bewusster Entscheidungen und ein Akt der Kommunikation mit dem Publikum; ein Sprachmodell bilde dagegen nur den Durchschnitt der Entscheidungen anderer ab. Nick Cave formulierte es drastischer: Songs entst\u00fcnden aus Leid, und Algorithmen f\u00fchlten nichts. Man muss diese Haltung nicht teilen, um ihren Kern ernst zu nehmen: Ein gro\u00dfer Teil dessen, was wir an Kunst sch\u00e4tzen, ist die Gewissheit, dass ein Mensch uns etwas mitteilen wollte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die IP-Perspektive: Das Recht hat sich l\u00e4ngst entschieden<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Philosophie und Feuilleton streiten, haben die Gerichte eine klare Linie gezogen \u2013 und zwar f\u00fcr den Menschen. Im deutschen Recht folgt das schon aus dem Gesetz: Gesch\u00fctzt sind nach \u00a7 2 Abs. 2 UrhG nur pers\u00f6nliche geistige Sch\u00f6pfungen. In den USA hat der Supreme Court im M\u00e4rz 2026 die Revision im Fall Thaler v. Perlmutter nicht angenommen. Damit bleibt es dabei: Was eine KI ohne nennenswerten menschlichen Beitrag erzeugt, genie\u00dft keinen Urheberrechtsschutz \u2013 und selbst ausf\u00fchrliche, detaillierte Prompts gen\u00fcgen daf\u00fcr nicht ohne Weiteres.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Patentrecht hat der BGH im DABUS-Beschluss dieselbe Grundentscheidung getroffen: Eine KI kann nicht Erfinder sein. Zugleich hat er eine pragmatische T\u00fcr offen gelassen. Benannt werden kann der Mensch, der die KI veranlasst hat, die Erfindung zu generieren; es gen\u00fcgt ein menschlicher Beitrag, der den Gesamterfolg wesentlich beeinflusst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kritisch betrachtet entsteht hier eine Spannung zwischen den Schutzrechten. Das Patentrecht zeigt sich gro\u00dfz\u00fcgig und l\u00e4sst den veranlassenden Menschen gen\u00fcgen. Das Urheberrecht verlangt dagegen einen eigenen sch\u00f6pferischen Beitrag. Je autonomer die Systeme arbeiten, desto mehr wird die Zuordnung zum Menschen in beiden Rechtsgebieten zur Konstruktion. Und weil reiner KI-Output schutzlos ist, entsteht ein handfester Anreiz, menschliche Beitr\u00e4ge gr\u00f6\u00dfer darzustellen, als sie waren. Wo genau das Prompten endet und das Schaffen beginnt, ist bis heute nicht gekl\u00e4rt. Diese Rechtsunsicherheit tragen am Ende die Kreativen und ihre Auftraggeber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Front betrifft nicht den Output, sondern das Training. Das Landgericht M\u00fcnchen I hat im November 2025 im Verfahren GEMA gegen OpenAI entschieden, dass Liedtexte, die reproduzierbar im Modell gespeichert sind, vervielf\u00e4ltigt wurden, und dass deren Ausgabe eine \u00f6ffentliche Zug\u00e4nglichmachung darstellt \u2013 zu verantworten vom Anbieter, nicht vom Nutzer. Die Berufung liegt beim Oberlandesgericht M\u00fcnchen. Im Juli 2026 folgte dieselbe Kammer im Verfahren GEMA gegen Suno dieser Linie f\u00fcr sechs bekannte Musikwerke. Beide Urteile sind nicht rechtskr\u00e4ftig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Entscheidungen treffen den Kern der optimistischen Erz\u00e4hlung vom \u201elernenden\u201c K\u00fcnstler. Wo sich ein Werk aus dem Modell reproduzieren l\u00e4sst, sieht das Gericht keine Inspiration, sondern eine Kopie. Das ist rechtlich folgerichtig, f\u00fcr die Optimisten aber unbequem: Je mehr ein Modell w\u00f6rtlich wiedergeben kann, desto weniger erschafft es \u2013 und desto gr\u00f6\u00dfer wird das Haftungsrisiko seines Anbieters. Ein Mensch, der einen Song im Kopf hat, haftet daf\u00fcr nicht. Ein Modell schon. Diese Ungleichbehandlung ist gewollt, und sie ist berechtigt: Ein Mensch kann nicht millionenfach pro Tag aus dem Ged\u00e4chtnis zitieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Flankiert wird das durch die KI-Verordnung der EU. Seit dem 2. August 2026 gelten die Transparenzpflichten aus Artikel 50 AI Act: Deepfakes und KI-Texte, die die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber Angelegenheiten von \u00f6ffentlichem Interesse informieren sollen, sind offenzulegen. F\u00fcr offenkundig k\u00fcnstlerische, fiktionale oder satirische Werke ist die Pflicht abgeschw\u00e4cht \u2013 dort gen\u00fcgt ein Hinweis in einer Form, die den Genuss des Werks nicht beeintr\u00e4chtigt. Bemerkenswert: Selbst der Gesetzgeber geht damit stillschweigend davon aus, dass KI k\u00fcnstlerisch eingesetzt wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Die falsche Frage<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist KI kreativ? In einem messbaren, kombinatorischen Sinn: ja \u2013 und zwar besser als viele Menschen. Kann sie aus vorgefertigten Bahnen ausbrechen? Dort, wo ein objektiver Pr\u00fcfstein die Schleife aus Erzeugen und Bewerten schlie\u00dft, zunehmend. In der Kunst ist das bislang nicht nachgewiesen, und die Tendenz der Modelle zur statistischen Mitte spricht eher dagegen. Fehlt der KI die R\u00fcckkopplung des Gehirns? Ja, aber das beschreibt den heutigen Bauplan, keine Naturgrenze. Die Forschung baut die Schleifen gerade ein. Wird KI K\u00fcnstler ersetzen? Sie ersetzt bereits kreative Arbeit \u2013 aber keine Urheberschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eigentlich spannende Frage lautet deshalb nicht, ob eine Maschine kreativ sein kann, sondern wer f\u00fcr ihr Ergebnis verantwortlich ist und wer daran verdient. Darauf geben Gesetz und Rechtsprechung derzeit eine eindeutige Antwort: der Mensch. Das ist keine Technikfeindlichkeit, sondern der Kern des Immaterialg\u00fcterrechts. Es sch\u00fctzt die Person hinter dem Werk, nicht das Produkt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was das f\u00fcr die Praxis bedeutet<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Menschlichen Beitrag dokumentieren.<\/strong> Entw\u00fcrfe, Auswahlentscheidungen und \u00dcberarbeitungen festhalten. Das ist im Urheberrecht wie bei Erfindungen die Grundlage jeder sp\u00e4teren Schutzbehauptung.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Vertr\u00e4ge anpassen.<\/strong> Vereinbarungen mit Agenturen, Freelancern und Kreativen sollten regeln, ob und wie KI eingesetzt werden darf, welche Rechte einger\u00e4umt werden und wer f\u00fcr die Rechtefreiheit des Ergebnisses einsteht.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Outputs vor der Verwertung pr\u00fcfen.<\/strong> Nach den M\u00fcnchner Urteilen ist klar, dass Modelle gesch\u00fctzte Werke wiedergeben k\u00f6nnen. Wer KI-Ergebnisse kommerziell nutzt, sollte sie auf auff\u00e4llige N\u00e4he zu bekannten Werken pr\u00fcfen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kennzeichnungspflichten kl\u00e4ren.<\/strong> Ob und wie KI-Inhalte nach Artikel 50 AI Act offengelegt werden m\u00fcssen, h\u00e4ngt von Rolle, Inhalt und Verwendungszweck ab \u2013 eine pauschale Antwort gibt es nicht.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann eine Maschine K\u00fcnstlerin sein? Die Debatte wird meist zwischen zwei Lagern gef\u00fchrt. 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