Moderne Sklaverei und Menschenhandel im Kosovo

PristinaMenschenhandel ist auf dem Balkan ein massives Problem.¹ In Bezug auf die sexuelle Ausbeutung hat besonders der Kosovo, der jüngste Staat in Europa, einen beunruhigenden Ruf erlangt. War vor der Nato-Intervention 1999 das Phänomen des Menschenhandels auf dem Balkan noch kaum bekannt, kam es in der Folgezeit zu einem sprunghaften Anstieg. Es ist ein Paradoxon: Nach Ansicht von Amnesty International trugen gerade die internationalen Mitarbeiter, die am Wiederaufbau des Landes beteiligt waren, mit ihren für Landesverhältnisse hohen Gehältern zum Anstieg der Nachfrage nach käuflichem Sex und damit zur Belebung des Menschenhandels bei. Dies hatte zur Folge, dass Opfer gezielt aus dem Ausland in den Kosovo gebracht wurden, um sie den reichen „Internationalen“ anzubieten, also jenen, die für große Organisationen arbeiten.² Der Kosovo entwickelte sich dadurch zu einem Zielland für den Menschenhandel. Nach Aussage einer Vertreterin des „Center for Protection of Victims and Prevention of Trafficking in Human Beings“, einer Nichtregierungsorganisation, die sich auf die Betreuung von Opfern von Menschenhandel spezialisiert hat, wurden in den Jahren zwischen 2000 und 2007 insgesamt 552 Opfer ermittelt, von denen mit 99 Prozent aus Ländern wie Rumänien, Ukraine, Russland und Moldawien fast alle aus dem Ausland kamen. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Mindestens seit dem Jahr 2006 hat sich der Kosovo von einem einstigen Zielland zu einem Ursprungsland, zu einer Quelle für den Menschenhandel entwickelt. Massive Armut, eine hohe Arbeitslosigkeit von 60 bis 70 Prozent unter der jungen Bevölkerung sowie eine allgemeine Perspektivlosigkeit sind entscheidende Risikofaktoren dafür, dass besonders Teenager Opfer von Menschenhandel sind. Angelockt von Versprechungen auf einen attraktiven Job im Ausland treffen sie auf charmant agierende Kontaktpersonen, zu denen schnell eine emotionale Bindung aufgebaut ist. Einmal in den Fängen der Menschenhändler ist ein Entkommen dann nur noch schwer möglich. Der Kontakt zur eigenen Familie wird rigoros unterbunden; anschließend werden die Opfer systematisch eingeschüchtert. Teilweise werden junge Frauen gefoltert, nicht selten ist selbst die eigene Familie in die kriminellen Machenschaften mit eingebunden. Das Ziel besteht zunächst darin, die Opfer psychisch zu brechen und gefügig zu machen. Die Familie stellt bereits zu diesem Zeitpunkt keinen Rückzugsraum mehr dar, da in der drohenden Zwangsprostitution der Töchter eine nicht hinnehmbare Verletzung der Ehre gesehen wird, die mit dem völligen Ausschluss aus der Familie geahndet werden muss.

Auf Druck der internationalen Gemeinschaft betreibt der Kosovo seit geraumer Zeit großen Aufwand, den Menschenhandel einzudämmen. So wurden zunächst die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert. Entsprechende Gesetze wurden ebenso erlassen wie nationale Strategie- und Aktionspläne. Daneben wurde der stellvertretende Innenminister zum nationalen „Anti-Trafficking-Koordinator“ ernannt. Eine interministeriale Arbeitsgruppe soll das gemeinsame Vorgehen koordinieren und harmonisieren.³

Neben der strafrechtlichen Verfolgung steht der Opferschutz im Vordergrund. Eine aufgestellte Sondereinheit geht, in Zivil gekleidet, in entsprechende Lokale und bewertet in Gesprächen das Risiko, Opfer von Menschenhandel zu werden. Mögliche Opfer sind oft junge, noch minderjährige Frauen, die in Bars arbeiten. Durch antrainierte Fragetechniken versuchen die Polizisten dann herauszufinden, ob die angetroffenen Frauen sexuelle Dienste anbieten und ob sie dazu gezwungen werden. Wird bei einer Frau ein erhöhtes Risiko festgestellt, wird sie für eine weitere Befragung zur Polizeistation gebeten. Dort wird sie durch speziell geschulte Polizeibeamte erneut befragt.

Gelangt die Polizei zu dem Ergebnis, dass die Befragte möglicherweise ein Opfer von Menschenhandel sein konnte, stellt sich stets die Frage, welcher Gefahr die Person ausgesetzt ist. Der Menschenhandel wird gewöhnlich durch organisierte Banden kontrolliert, die vor keiner Gewalt zurückschrecken.

Besteht eine hohe Gefährdung für das Opfer, wird es in eine sogenannte Interim Security Facility gebracht, eine Unterkunft mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Sehen die Polizeibeamten ein mittleres oder niedriges Risiko für die Sicherheit des Opfers, wird eine Unterbringung in Frauenschutzhäusern oder vergleichbaren Opfereinrichtungen angeboten. Dort werden die Menschen von Mediziner(inne)n, Psycholog(inn)en, Sozialarbeiter(inne)n und Freiwilligen betreut. Das Ziel ist die gesellschaftliche Reintegration durch Vermittlung einer festen Arbeitsstelle oder eines Ausbildungsplatzes sowie die Rückführung in die Familie. Gerade bei Letzterem besteht jedoch die eigentliche Schwierigkeit, da sich die Zwangsprostitution der Töchter nicht mit den gewöhnlich konservativen Wertevorstellungen der kosovo-albanischen Großfamilien deckt. Häufig besteht für junge Frauen erst dann eine Chance, in die Familie zurückzukehren, wenn sie durch einen regulären Job mit zum Familienunterhalt beitragen kann. Insgesamt ist ein behutsames Vorgehen von enormer Bedeutung, weil die Opfer meist hochtraumatisiert und suizidgefährdet sind und nur selten in der Lage, über das Erlebte zu sprechen.

Abgerundet werden sämtliche Aktionspläne durch Medienkampagnen, die über die Risiken von Menschenhandel aufklären sollen. In jüngster Zeit setzt man zudem darauf, Lehrer(innen) gezielt für das Thema zu schulen. Durch sie sollen junge Menschen sensibilisiert, verhaltensauffällige Schüler(innen) im Idealfall frühzeitig erkannt, gemeldet und geschützt werden.

Insgesamt versucht das jüngste Land Europas seit geraumer Zeit, der prekären Situation Herr zu werden. Dennoch wird Kosovo im vom US-amerikanischen Außenministerium veröffentlichten „Trafficking in Persons“-Report noch immer ernüchterndes Zeugnis ausgestellt. Was die Bekämpfung des Menschenhandels angeht, sind selbst minimale Standards noch nicht erreicht.¹¹ Die Ursachen dafür sind vielfältig. Ein großes Problem ist die schwierige wirtschaftliche Situation, der sich weite Teile der Bevölkerung ausgesetzt sehen. Soziolog(inn)en gehen davon aus, dass besonders ethnische Minderheiten wie Roma, Ashkali und Ägypter anfällig sind, weil sie wegen der vorherrschenden Diskriminierung nach wie vor am Rande oder außerhalb der Gesellschaft stehen. Eine völlige Perspektivlosigkeit verschlimmert die Situation und führt zur Traumatisierung einer gesamten Gesellschaft. Verstärkt wird das Problem dadurch, dass in Teilen der Bevölkerung der Menschenhandel als „normales Geschäft“ marginalisiert wird. Werden Täter vor Gericht gestellt, wird häufig zur Verteidigung vorgetragen, es sei eine „Erfindung der EU“, die ansonsten als kulturell legitim angesehene Geschäftspraktik des Menschenhandels zu kriminalisieren.

Insgesamt setzt sich die Meinung durch, das Problem des Menschenhandels verliere
an Bedeutung. Generell schwächelt allerdings die Problemwahrnehmung. Dies liegt daran, dass Frauen und Kinder seltener in öffentlichen Bars verschleppt werden und das Problem weniger stark in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird; tatsächlich verlagert es sich in den Untergrund. Die Auffassung der Bevölkerung, das Problem nehme insgesamt ab, ist daher als falsch zu werten. Im Gegenteil: Der Menschenhandel nimmt nicht nur im Kosovo, sondern auf dem gesamten Balkan stetig zu. Erst kürzlich berichteten lokale Medien in Pristina, dass das Geschäft mit der sexuellen Ausbeutung am Florieren sei und sich die Zahl der Opfer sogar weiter erhöht habe. Nach Angaben der kosovarischen Polizei wurden in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mindestens 81 Personen verhaftet, die mit der Organisation von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Verbindung gebracht werden.¹² Gerade angesichts dieser Entwicklung bleibt mehr als je zuvor zu hoffen, dass gemäß den Zielen, die die Religionsführer der Welt und Papst Franziskus in einer Erklärung bereits 2014 formuliert hatten, der Menschenhandel bis zum Jahr 2020 besiegt ist.¹³ Wahrscheinlich ist dies nicht.

Anmerkung:

¹ Im allgemeinen Sprachgebrauch meint Menschenhandel („Human Trafficking“) häufig das Verbringen von Menschen in ein anderes Land. Flüchtlinge zahlen einen bestimmten Geldbetrag, um von Schleusern beispielsweise in den Schengen-Raum gebracht zu werden. Dies stellt weder aus strafrechtlicher Sicht noch aus Sicht der Vereinten Nationen „Menschenhandel“ dar. Es handelt sich vielmehr um den eigenen Straftatbestand „Schmuggeln von Migranten“.

² Amnesty International: Kosovo (Serbia and Montenegro): So does it mean that we have the rights? Protecting the human rights of women and girls trafficked for forced prostitution in Kosovo (siehe: Amnestry International); Wiedemann, E.: Wirtschaftsfaktor erster Ordnung (siehe: Spiegel 2/2001).

³ GOVERNMENT OF KOSOVO: National Strategy and Action Plan against Trafficking in Human Beings (2011- 2014), S. 2 ff.; GOVERNMENT OF Kosovo: Standard Operating Procedures for Trafficked Persons in Kosovo, S. 15 ff.

¹¹US DEPARTMENT OF STATE: Trafficking in Persons Report, 2015.

¹² Von den 81 verhafteten Personen stammen 70 aus dem Kosovo, acht aus Albanien, zwei aus Bulgarien und eine Person aus England. Dies belegt die internationale Verflechtung der organisierten Kriminalität. Es konnten elf Opfer gerettet werden.

¹³ Katholische Nachrichten: Papst und Religionsführer unterzeichnen historische Erklärung. 2. Dezember 2014 (siehe: Katholische Nachrichten).

Die Recherche des Artikels wurde durch die Fritz-Thyssen-Stiftung/Köln finanziert.

Foto: © David Bailey, [CC BY-SA 2.0]

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Dr. Bernd Franke ist EU-Diplomat und Rechtsanwalt der Kanzlei Franke & Partner, München; Klaus Poretschkin ist Student der Rechtswissenschaften an der Universität Bonn.

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Über Dr. Bernd Franke, Klaus Poretschkin

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Eine Antwort auf Moderne Sklaverei und Menschenhandel im Kosovo

  1. Alexander sagt:

    Zu dem Ergebnis, dass der sichtbare Menschenhandel und die Zwangsprostitution in Massenbordellen und Massenlagern im Kosovo seit Jahren zurückgedrängt wurde und sich in private Wohnungen und Bars verlagert kommt auch der Journalist Jürgen Roth.

    http://www.theintelligence.de/index.php/politik/international-int/3166-kosovo-zentrum-der-organisierte-kriminalitaet.html

    Wirtschaftliche Schwerpunkte liegen im Kosovo, wie auch in Albanien, auf Drogenhandel, Waffenhandel und Menschenhandel, während legale Aktivitäten in der Wirtschaft eine eher untergeordnete Rolle spielen. An diese Zustand hat auch die Anwesenheit der internationalen NGO scheinbar nichts geändert.

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